aktualisiert am 5. April 2017

 

27. August 2014

Die Anthroposophische Medizin verbindet schulmedizinische Kompetenz mit geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen. Damit versteht sie sich als eine Erweiterung der modernen, naturwissenschaftlich begründeten Medizin.

 

Eine Medizin der Erweiterung

Der Mensch ist mehr als sein Körper. Und auch mehr als die Summe seiner Krankheitssymptome. Erst das Zusammenspiel von körperlichen, seelischen und geistigen Charakteristika macht die Individualität des Menschen aus - auch im Krankheitsfall. Diese Perspektive liegt der Anthroposophischen Medizin zugrunde. Dabei ist die Anthroposophische Medizin keine "Alternativmedizin", sie will die konventionelle Medizin nicht ersetzen - sie soll vielmehr ganz bewusst erweitert werden. So können in der anthroposophischen Diagnostik und Therapie alle Bestandteile der Schulmedizin eingesetzt werden. Erweiternd bezieht die Anthroposophische Medizin geisteswissenschaftliche Erkenntnisse mit ein, die auf Rudolf Steiner und Ita Wegman zurückgehen. Damit ist gemeint: Die Anthroposophische Medizin berücksichtigt in Diagnose und Behandlung nicht nur die messbaren Befunde des erkrankten Menschen, sondern auch sein allgemeines Befinden und seine individuelle Lebenssituation.

 

Eine Medizin ohne pauschale Konzepte

Die Anthroposophische Medizin geht davon aus, dass Krankheiten keine zufällig auftretenden Fehlfunktionen sind. Vielmehr werden Krankheiten als Prozesse angesehen, die als körperliche oder seelische Störung oder Veränderung auftreten, wenn die Wechselbeziehungen zwischen Körper, Geist und Seele eines Patienten nicht mehr harmonisch ineinander greifen. Krankheiten können deswegen nie pauschal beurteilt oder therapiert werden.

Wie arbeitet die Anthroposophische Medizin? Nach einer gründlichen Anamnese, bei der neben den körperlichen Symptomen auch die persönlichen Lebensumstände, der individuelle Biografieverlauf oder mögliche Krisen im Leben des Patienten erfragt werden, wird eine schulmedizinische Diagnose gestellt. Arzt und Patient entscheiden dann gemeinsam in einem ausführlichen Gespräch, welcher medizinische Ansatz individuell sinnvoll ist. Geeignet ist die Anthroposophische Medizin für alle - auch für chronische - Krankheitsbilder. Nicht nur durch die Anamnese-Gespräche ist das Verhältnis zwischen Arzt und Patient in der Anthroposophischen Medizin außergewöhnlich eng und vertrauensvoll. Da alle anthroposophischen Ärztinnen und Ärzte ein medizinisches Studium mit Approbation absolviert haben, bringen diese Mediziner eine doppelte Kompetenz mit: naturwissenschaftliches Wissen auf der einen und erweiterte Kenntnisse der Anthroposophischen Medizin auf der anderen Seite.

 

Stärkung der Eigenverantwortung

Die Anthroposophische Medizin begreift die Patientinnen und Patienten als aktive Partner, die sich an ihrem Genesungsprozess selbstbewusst beteiligen. Was seit einigen Jahren immer stärker gefordert wird - eine größere Eigenverantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen -, spielt in der Anthroposophischen Medizin seit langem eine tragende Rolle. Die Anregung der Selbstheilungskräfte verleiht dem kranken Menschen eine aktive Rolle in der Überwindung seiner Krankheit. Dadurch werden die Patientinnen und Patienten in ihrer Mündigkeit und in ihrer Mitbestimmung bestärkt. Sie werden dazu ermutigt, sich aktiv für ihre Gesundheit einzusetzen und neue, "gesunde" Verhaltensweisen zu erlernen.

 

Heilende Kunsttherapien

Ein wichtiger Schwerpunkt innerhalb der Anthroposophischen Medizin sind die künstlerischen Therapien, die eingesetzt werden, um das Gesundungspotenzial des Körpers zu stärken. Die Auseinandersetzung mit künstlerischen Vorgängen kann beim Patienten einen Prozess der Selbsterkenntnis auslösen und damit eingefahrene und krankmachende Verhaltensmuster korrigieren. Im künstlerischen Gestalten lernt der Patient Wichtiges über sich selbst - und auch über den eigenen Umgang mit Problemen oder Krisen. Dadurch können sich auch neue Wege zur Bewältigung von Krankheit oder Problemen ergeben. Zu den künstlerischen Therapieverfahren der Anthroposophischen Medizin gehören das plastische Gestalten, Zeichnen und Malen, Musizieren sowie die Sprachgestaltung. Auch die von Rudolf Steiner entwickelte Heileurythmie, eine besondere Form rhythmischer Bewegungskunst, wird gezielt eingesetzt, um die Selbstheilungskräfte des Menschen auf physischer, seelischer und geistiger Ebene zu aktivieren.

 

Stärkende medizinische Anwendungen

Neben der Anthroposophischen Kunsttherapie zählen auch physikalische und therapeutische Maßnahmen wie Bäder, Wickel und Auflagen zur Anthroposophischen Medizin. Diese Maßnahmen regen Atmung, Durchblutung, Verdauung und Stoffwechselprozesse an und steigern damit das Wohlbefinden der Patientinnen und Patienten. Ein weiteres therapeutisches Konzept ist die Rhythmische Massage nach Dr. Ita Wegman. Sie beruht auf der Heilmassage, arbeitet aber mit einem ergänzten Spektrum an Griffen und Techniken. Auch die Krankenpflege der Anthroposophischen Medizin arbeitet uneingeschränkt patientenorientiert: Die Pflege nimmt den Menschen individuell wahr und fördert seine Gesundheit, lindert sein Leiden und zeigt gleichzeitig Entwicklungsmöglichkeiten auf, die in der Krankheit liegen können. Dabei werden die Ergebnisse der modernen Pflegeforschung ebenso wie die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse der Anthroposophie genutzt.

 

Daten & Fakten zur Anthroposophischen Medizin

Der Begriff "Anthroposophie" setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern "anthropos", der Mensch, und "sophia", die Weisheit. Damit steht der sich selbst erkennende Mensch auch in der Medizin im Mittelpunkt.

Mittlerweile hat die Anthroposophische Medizin eine fast 100-jährige Tradition und wird heute in über 80 Ländern weltweit praktiziert. Gemeinsam mit der Ärztin Dr. Ita Wegman (1876 bis 1943) entwickelte Dr. Rudolf Steiner (1861 bis 1925), der Begründer der Anthroposophie, Anfang des vergangenen Jahrhunderts das integrative Konzept dieser besonderen Medizin. Seit 1976 ist die Anthroposophische Medizin im Arzneimittelgesetz als "besondere Therapierichtung" und seit 1989 als medizinische Richtung im Sozialgesetzbuch V gesetzlich verankert und anerkannt.

Anthroposophische Ärzte absolvieren nach ihrer Approbation als Arzt oder nach ihrer Facharztausbildung eine mindestens dreijährige Aus- und Weiterbildung zu den besonderen Schwerpunkten der Anthroposophischen Medizin.


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